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unsere Geschichte – das Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts

„…wie uns die Alten sungen…“

Seit einigen Jahren rückt eine historische Quelle immer stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, die lange Zeit nur von Historikern der alten oder der Geschichte des Mittelalters wahrgenommen wurde: Die mündliche Überlieferung. Im Gegensatz zu vergangenen Zeiten, in denen die mündliche Überlieferung über Generationen hinweg, als „Weitererzählen“ von „Gehörtem“, Geschichten entwickelte und somit „tradiert“ Auskunft über Genealogien, Ereignisse und historische Zusammenhänge gab, lässt sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts, dank analoger und später auch digitaler Aufnahmemöglichkeiten, der „originale“ mündliche Bericht konservieren. Die Archive von Rundfunk- und Fernsehanstalten sind voll von den Geschichten derer „die-dabei-gewesen-sind“. In zahlosen „O-Tönen“, Dokumentationen und Interviews wurden ausgewählte Beiträge in der Vergangenheit gesendet.

Die Bedeutung dieser Dokumente kann schon allein an der Tatsache gemessen werden, dass die Geschichtswissenschaften die eigenständige hermeneutische Methode „oral history“ zur Auswertung der „mündlichen Quellen“ entwickelte. Aber nicht nur für die Wissenschaft sind die Zeitzeugenberichte von größtem Interesse, auch Schülern, Studierenden und Laien ermöglichen die persönlichen Schilderungen ein breiteres Geschichtsverständnis. In dieser Erkenntnis liegt der Wunsch begründet, die Archive einem breiten Publikum via Internet zugänglich und für die Öffentlichkeit abrufbar zu machen. Allerdings waren für ein solches Vorhaben bis vor wenigen Jahren einige technologische Hürden unüberwindbar. Erstens fehlte es an den notwendigen Bandbreiten, um die Zeitzeugenberichte „flüssig“ zu übertragen und zweitens war der für die Realisierung prognostizierte Speicherplatz schlichtweg nicht bezahlbar. Als am Ende des Jahres 2006 der Verein „Die Augen der Geschichte e.V.“ bei mir anfragte, ob das Institut für Mediengestaltung die Entwicklung eines solchen Zeitzeugen-Online-Portals übernehmen würde, war schnell klar, welch große konzeptionelle, gestalterische, logistische und technologische Herausforderung mit einem solchen Projekt vor uns stand.

Die Zeitzeugen-Interviews

Der Verein „Die Augen der Geschichte e.V.“, 2001 von der ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“ unter Leitung von Prof. Dr. Guido Knopp ins Leben gerufen, betreut und verwaltet ein im deutschsprachigem Raum einzigartiges Archiv von Zeitzeugen-Aufzeichnungen. Über Jahrzehnte hinweg hatte die Redaktion „Zeitgeschichte“ zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen über die Themen des vergangenen Jahrhunderts geführt. Diese wertvolle Sammlung wurde durch ein beispielhaftes Projekt drastisch erweitert. Von 1998 bis 2003 war der „ZDF-Jahrhundertbus“ unterwegs: Ein Studio auf Rädern, in dem täglich bis zu 15 Zeitzeugen die Reise in die eigene Geschichte antraten. Auf diese Weise wurden bisher ca. 5.000 Interviews, mit einer jeweiligen Länge von 60 – 90 Minuten, gesammelt. Zu sehen sind bewegende, oft verblüffende Zeugnisse von Menschen, die Geschichte erlebt oder selbst mit gestaltet haben. Zu allen wesentlichen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts, von der Kaiserzeit über den ersten Weltkrieg, Kapp-Putsch, Nationalsozialsimus, deutsche Teilung, deutscher Herbst bis zum Mauerfall sind sehr persönliche Erinnerungen zusammengetragen wurden. Die Sammlung ist nicht abgeschlossen, sie wird kontinuierlich erweitert und soll von nun an, stetig wachsend, im Internet veröffentlicht werden.

Die Vorbereitungen

Allein die Anzahl von 5.000 Interviews mit einer Länge von ca. 6.000 Stunden Filmmaterial lässt erahnen, welche Anforderungen an das zu entwickelnde Webportal gestellt wurden. Um die Dimension der Aufgabenstellung noch etwas genauer zu beschreiben, lohnt es sich, die Fakten hinter den Zahlen detaillierter zu beleuchten. Denn nicht nur die enorme Menge des vorhandenen Materials, sondern auch sein Zustand hat Auswirkungen auf den zu leistenden Aufwand. Entsprechend den zeitgemäßen, qualitativen Standards der jeweiligen Aufnahmen, handelt es sich bei den gesamten Zeitzeugen-Interviews ausschließlich um analoges Filmmaterial. Dies muss aber für die Verwendung im Internet vorab digitalisiert werden. Eine solche Aufgabe würde für einen Mitarbeiter, ausgestattet mit einem „Umwandlungsgerät“, drei einhalb Jahre dauern! Erschwerend kommt hinzu, dass die analogen Bänder, entsprechend der jeweiligen Zeit, in den unterschiedlichsten Formaten vorliegen: angefangen von 35 mm Film, über UMATIC, Beta-SP bis hin zu Digipro 50. Als Ergebnis des Digitalisierungsprozesses entstehen 65.000 Gigabyte Datenspeicher, die nachhaltig gespeichert werden müssen, da der riesige Aufwand des Digitalisierens nicht pro technologischer Weiterentwicklung wiederholt werden kann.

Mit anderen Worten: Es ist offensichtlich, dass hier keine gewöhnliche Web-Site, sondern eine „ganze Bibliothek“ entstehen soll. Eine solche Anforderung benötigt das richtige Personal. Mit Daniel Bagel, Sven Lipok und Marcel Senkpiel gelang es mir, eine Arbeitsgruppe aus Spezialisten zusammenzustellen, die gemeinsam mit mir hochmotiviert eine solche Aufgabe in Angriff nehmen. Die Multimediainitiative „rlpinform“ des „Ministeriums des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz“ erkannte das große Potenzial des Projektes und förderte großzügig die Umsetzung. Wissenschaftlich begleitet und unterstützt wird „unsere-Geschichte.de“ vom Historischen Seminar der Johannes Gutenberg Universität Mainz unter Leitung von Prof. Dr. Sönke Neitzel.

Das Projekt

Über jedes einzelne der komplexen Aufgabengebiete (Konzeption, Digitalisierung, Datenanalyse, Informationsarchitektur, Datenverwaltung, Speicherung, Navigation und Interfacedesign), die in einem solchen Projekt zu bewerkstelligen sind, könnte ein eigener Artikel verfasst werden, dies würde allerdings den vorgegebenen Rahmen sprengen. Aus diesem Grund sollen im folgenden vor allem die Suche und das Auffinden von filmischen Inhalten in diesem Web-Portal besonders beleuchtet werden. Hier offenbart sich deutlich, mit welchem Aufwand Medienkonvergenz verbunden ist, wie weit „Anspruch“ und „Wirklichkeit“ aktuell im Internet noch auseinanderklaffen. (Für all jene, die darüberhinaus an einer Dokumentation aller Aufgabengebiete interessiert sind, sei an dieser Stelle auf die im Institut für Mediengestaltung veröffentlichte Dokumentation „Die digitale Bibliothek entsteht“ hingewiesen, in der alle genannten Arbeitsschritte detailliert beschrieben sind.)

Suchen und Finden

Eine der wesentlichsten Herausforderungen bei der Entwicklung des Zeitzeugenportals „unsere-Geschichte.de“ bestand darin, eine bzw. mehrere Suchalgorithmen zu entwickeln, die es dem Benutzer ermöglichen, aus der immensen Menge an gesammelten Film-Interviews, diejenigen Aussagen gezielt herauszufiltern, für die er sich interessiert.
Einer solchen Anforderung in befriedigender Weise gerecht zu werden, ist deshalb nicht ganz so einfach, da derzeit keine Tools zur Verfügung stehen, die uns eine komplexe Ton-, Bild- oder Film-Analyse ermöglichen, auf deren Basis konkrete Aussagen über den Inhalt getroffen werden könnten. Aus diesem Grunde müssen Hilfmittel verwendet werden. Eine der am weitesten verbreiteten Arten der Suche in Videoplattformen wie „youtube“ ist die Schlagwortsuche. Als Ergebnis dieser Suche wird eine Liste aller Filmbeiträge aufgelistet, in deren Metadaten das gesuchte Schlagwort eingetragen wurde.

In der Anwendung der Zeitzeugen-Datenbank hat die Schlagwortsuche Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist zweifellos die Tatsache, dass Schlagworte redaktionell vergeben werden und somit nur die wesentlichen Aussagen der Interviews erfassen. Allerdings liegen auch die Nachteile klar auf der Hand. Es gibt zahlreiche Zeitzeugen, die beispielsweise in der Kaiserzeit geboren wurden, den ersten und zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung und den Mauerfall bewusst erlebt haben. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit außerordendlich groß, dass sehr viele Schlagworte sehr oft vergeben werden. Das Schlagwort „Reichskristallnacht“ beispielsweise wird sich in einem sehr großen Prozentsatz der Interviews finden lassen, die sich mit dem Thema „Nationalsozialismus“ auseinandersetzen. Das entscheidende Problem besteht dabei nicht in der Anzahl der „Treffer“, die in der Ergebnisliste zu finden sind, (in einem großen Archiv mit einem speziellen Themengebiet müssen viele Verweise ausgegeben werden), sondern in der Länge der ein- oder eineinhalb-stündigen Filmbeiträge. Um die Relevanz der Aussagen überprüfen zu können, muss der Betrachter im ungünstigsten Fall für jeden Eintrag das komplette einstündige Gepräch ansehen. Greifen wir noch einmal das Beispiel „Reichskristallnacht“ auf, so lässt sich prognostizieren, dass ca. 4.000 Interviews das Themengebiet streifen. Um einen Überblick über die entsprechenden Aussagen zu erhalten, müsste der Wissbegierige im ungünstigsten Fall 4.000 Stunden zur Sichtung des Filmmaterials investieren, da er ja nicht einschätzen kann, an welcher Stelle und ob nur einmal während des Interviews über das gesuchte Ereignis gesprochen wird. Dies kann natürlich, im Gegensatz zu Videoplattformen wie beispeilsweise „youtube“, deren Filme im Durchschnitt 3 – 4 Minuten dauern, für „unsere-Geschichte.de“ keine Lösung sein.

Aus diesem Grund mussten neben der Schlagwortsuche weitere Suchmechanismen entwickelt werden. Basis all dieser Suchfunktionen ist die „Verschriftlichung“ der Interviews. Obgleich das vorgestellte Portal namentlich als „Video“-Datenbank benannt wurde, ermöglicht ausschließlich das Transkript ein zielgenaues Auffinden gesuchter Inhalte. Es war und ist daher unabdingbar, alle Interviews in Schriftform vorzuhalten. (Dank der Promotion von Dr. Marc Phillipp am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität konnte auf 1.000 sehr genaue „Transkripte“ der Zeitzeuginterviews zurückgegriffen werden.) Diese Texte sind das Herzstück des Zeitzeugen-Portals. Mittels einer komfortablen Volltextsuche können in allen Interviews die gesuchten Stichworte ausgelesen werden. Die technologische Herausforderung bestand nun darin, einen Videoplayer zu programmieren, der die einzelnen Sätze eines jeden Text-Interviews mit dem entsprechenden Timecode der Filmbeiträge synchronisiert und somit gewährleistet, dass mit Hilfe der Volltextsuche tatsächlich in jedem Film-Interview an exakt die Stelle gesprungen werden kann, an der die aufgelistete Aussage auch getroffen wird. Durch diesen scheinbaren Umweg über die Schriftform wird die Suche wesentlich zeitsparender, wie an unserem Beispiel „Reichskristallnacht“ aufgezeigt werden kann. Noch immer erscheinen bei der Suche mindestens 4.000 Einträge zum Thema in der „Trefferliste“. Der Betrachter kann aber nun sofort und direkt an die relevanten Stellen des Interviews springen und die entsprechenden Aussagen hören und zeitgleich lesen. Würde er also alle Beiträge ansehen, müsste er, statt mit einem maximalen Aufwand von 4.000 Stunden, mit einer zeitlich geschätzten Dauer von „nur“ 200 Stunden rechnen.

Die Zielgruppen

Es liegt auf der Hand, dass auch dieser Aufwand von „nur“ 200 Stunden lediglich von Wissenschaftlern, die ein veritables Interesse an einer großen Anzahl von vergleichbaren Zeitzeugenaussagen haben, um daraus gültige Schlussfolgerungen zu ziehen, betrieben werden wird. Aus diesem Grunde (und wegen rechtlicher Einschränkungen) wird das Zeitzeugenportal „unsere-Geschichte.de“ für drei verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Angebote vorhalten:

Die breite Öffentlichkeit kann ohne Passwort auf eine ausgewählte Anzahl von redaktionell und didaktisch aufbereiteten Auschnitten aus den Zeitzeugeninterviews und filmischen Dokumentationen zu den unterschiedlichen Themengebieten zugreifen. Schulen und anerkannte Bildungseinrichtungen erhalten über den Verein „Die Augen der Geschichte e.V.“ einen passwortgeschützten Zugang zu einem erweiterten redaktionell-aufbereitetem Material. Sie haben die Möglichkeit „Themenpakete“ zusammenzustellen und für Unterrichtszwecke zu verwenden. Die dritte Zielgruppe sind Wissenschaftler, die unter einem eigenen passwortgeschützten Login Zugriff auf alle Interviews erhalten.

Vor allem für die ersten beiden Zielgruppen, Laien und Bildungsinstitutionen, wurden neben dem Schlagwortregister und der Volltextsuche noch vier grafische Suchwerkzeuge entwickelt: Zeitstrahl, Gesichtersuche, Landkarte und die inzwischen fast obligatorische Schlagwortwolke. Jedes dieser speziellen Tools bietet einen Gesamtüberblick über den kompletten Datenbestand in Bezug auf eine definierte Größe. (Die Zeitleiste ordnet alle Interviewaussagen chronologisch ein, die Landkarte verweist via GPS-Daten auf alle im Text erwähnten Ortschaften, die Gesichtersuche ermöglicht die Suche nach Zeitzeugen und historischen Persönlichkeiten.) Neben der thematischen Einordnung bieten diese Werkzeuge einen grafischen Gesamtüberblick, über die Häufigkeit von Aussagen zu bestimmten Themen.

Stand der Dinge

Es ist zweifellos in diesem Artikel deutlich geworden, dass ein solches Projekt nie wirklich abgeschlossen ist. Deshalb gab es zu Beginn der Zusammenarbeit mit dem Verein „Die Augen der Geschichte e.V“ eine gemeinsame Festlegung von Teilabschnitten. Der erste große Arbeitsbereich für das Institut für Mediengestaltung umfasste die Entwicklung einer Gesamtkonzeption, eines Workflows zur vollständigen Digitalisierung der vorhanden Interviews, einer Konzeption der Datenspeicherung, die Migration der vorhandenen Metadaten, die Erstellung eines Front- und Back-Ends für das Internetportal, den Aufbau der Datenbank und die Entwicklung von Navigation und Interfacedesign. Im Ergebnis dieses Prozesses ist nun der größte und schwierigste Teil des Portals, die „Ein- und Ausgabe“ von Inhalten als Voraussetzung jeder redaktionellen Arbeit und die voll funktionstüchtige Zeitzeugendatenbank für die wissenschaftliche Nutzung (Zielgruppe 3) abgeschlossen.

Die Zugänge für Laien und Institutionen sind in der Programmierung vorbereitet, es fehlt nun allein die redaktionelle Aufbereitung des Gesamtmaterials; ein Prozess, der schätzungsweise weitere drei Jahre in Anspruch nehmen wird. Aus diesem Grund ist der Verein „Die Augen der Geschichte e.V.“ dabei Sponsoren für die aufwändige Weiterentwicklung zu gewinnen. Um potenzielle Sponsoren am Online-Gang des Archives zu beteiligen, wird der derzeitige Arbeitsstand noch als Beta-Version unter einer Test-URL angeboten ( HYPERLINK “http://143.93.109.93:8090/session/new”http://143.93.109.93:8090/session/new) und wird bis zur endgültigen Veröffentlichung durch ein Passwort geschützt.

Trotz dieser deutlichen Zugangsbegrenzung hat der abgeschlossene Arbeitsbereich „unsere-Geschichte.de“ bereits erfreuliche Resonanzen erhalten: Eine Nominierung für den Deutschen Multimediapreis und eine Nominierung für den mit 100.000 Euro dotierten Medida-Prix. Der Preisverleihung am 16. September sehen wir gespannt entgegen.

Arbeitsgruppe:
Prof. Tjark Ihmels | Projektleitung | Konzeption
Daniel Bagel | Programmierung | Konzeption
Sven Lipok | Design | Koordination
Marcel Senkpiel | Programmierung | Konzeption

(erschienen in „Forum 1.10 / Das Magazin der Fachhochschule Mainz“, März 2010)